Die Häuser Gotmarstraße 9 und 10

Die Anfänge: 1972
Im Dezember 1972 mietete das Studentenwerk die Häuser Gotmar 9 und 10 vom damaligen Besitzer Kreissparkasse Göttingen zur vorübergehenden Nutzung. 22 StudentInnen bezogen die Häuser, welche damit Teil des sogenannten `Göttinger Modells` waren:
Das Studentenwerk mietete aufgrund der studentischen Wohnraumknappheit kurzfristig Zimmer und Wohnungen in alten Häusern, die aus städteplanerischen oder sonstigen Gründen vor dem Abriss standen. Rechtliche Unterschiede, gegenüber den aus normalen Mietverträgen erwachsenden Rechten für die Mieter, waren vor allem:
1. der ausdrückliche Verzicht auf Ersatzbeschaffung von Wohnraum im Falle des Abrisses des gemieteten Gebäudes.
2. die Einschränkung der Wohnberechtigung auf immatrikulierte StudentInnen.

1976-1979
Die Firma C&A kaufte 1976 die ihr benachbarten Grundstücke und Häuser von der Kreissparkasse und ließ sie von der Grundstücksverwaltungsgesellschaft „Tecura“ verwalten. Die bestehenden Mietverträge mit dem Studentenwerk übernahm C&A von der Kreissparkasse. Nach drei Jahren kündigte C&A dem Studentenwerk mit der Begründung der geplanten Erweiterung der Verkaufsfläche. Die beiden Häuser sollten abgerissen werden. Das Studentenwerk legte Widerspruch gegen die Kündigung ein.
Damals war der politische Druck gegen die zunehmende Wohnraumzerstörung allerdings so hoch (Bsp. Abriss des Reitstallviertels – heute Carre), dass die Bestrebungen des C&A verhindert werden konnten. Statt einem benachbarten Neubau stockte die Firma um eine Etage auf. Das Verhalten gegenüber den Häusern hieß nun ‚Zerfallsstrategie‘:
„Der Zahn der Zeit sollte dem Bagger entgegenarbeiten.“
Die Bausubstanz wurde mehr oder weniger sich selbst überlassen, notdürftige Reparaturen wurden nur nach heftigem Druck der BewohnerInnen vorgenommen – wenn sie nicht ohnehin von ihnen unentgeltlich erledigt wurden.


1988/1989

Ende des Jahres 1988 war es dann wieder soweit. Die neuen Erweiterungspläne von C&A wurden bekannt gegeben. Dem Abriss der Gotmarhäuser sollte der Bau eines mehrstöckigen Neubaus folgen. Ins Dachgeschoss sollten als Zugeständnis an die Bewohner der Häuser „22 Wohnkartons geklemmt“ werden. Die C&A-Erweiterungspläne ergänzten sich optimal mit den neuen Sanierungsplänen der Kreissparkasse. Diese wollte die damalige Kronenpassage (hinter der Gotmar 9) sanieren und durch die neu gewonnene Attraktivität der Passage neue KundInnen ziehen. Der C&A strebte einen eigenen Zugang zu dieser Passage an. Das Studentenwerk stand diesmal nicht auf der Seite der BewohnerInnen, sondern unterstütze die Bestrebungen der Hauseigentümer.

Um ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen, gründeten die BewohnerInnen den Verein „Kommunikative Wohnformen e.V.“. Dieser sollte als Vertragspartner für das Mietverhältnis mit der Tecura/C&A anerkannt werden. Außerdem forderten die BewohnerInnen die Erhaltung der Bausubstanz, die Bereitstellung von Geldern für notwendige Renovierungen, langfristige Mietverhältnisse sowie die Aufrechterhaltung der gewachsenen und selbstbestimmten Wohnstrukturen.

Im Herbst 1989 nahm C&A aufgrund der massiven Proteste der BewohnerInnen – mal wieder – Abstand vom Abriss beider Häuser. Auch die Sparkasse verschob ihr geplantes Sanierungsvorhaben.
SymphatisantInnen der Häuser hatten über Monate hinweg verschiedenste öffentlichkeitswirksame Aktionen unternommen. Die Aktionsformen reichten hier vom friedlichen Protest bis zu Sabotageaktionen bei C&A und Studentenwerk. Auch in anderen Städten (z.B. Hamburg) gab es Solidaritätsaktionen in Filialen des C&A. Nach langen Verhandlungen mit dem Studentenwerk unterzeichnete dieses den von den Häusern vorgelegten Vertrag, den der Verein „Kommunikative Wohnformen e.V.“ im Sommer`90 wie gewünscht erhielt.
Er sieht vor, dass in den Häusern nicht nur StudentInnen leben können, sondern auch Menschen, die noch studieren werden oder schon studiert haben.


1992/1993

Zum Jahreswechsel `92/`93 kaufte die Sparkasse die Gotmar 9 zurück. Sie benötigte den ehemaligen Passageneingang, der durch das Haus geht, als dritten Eingang. Nach Plänen der Sparkasse sollte nun inmitten des Viertels Weender Straße/Kornmarkt/Gotmarstraße die „Erlebniswelt Sparkasse“ entstehen. Das Ergebnis dieser Sanierung war vor allem der Abriss der Kronenpassage und der Bau eines Innenhofes für die Sparkasse.


2000 und weiter

Die Gotmarstraße 10 wurde im Jahr 2000 von einem Bewohner gekauft.
2007 will nun weder die Sparkasse um-oder ausbauen, noch will C&A mal wieder die Gotmar 9 der Sparkasse abkaufen. Als Hauptakteur will diesmal das Studentenwerk die bestehenden Mietverhältnisse angreifen, was unseren Vorstellungen und Bedürfnissen entgegensteht.